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| Die Preußische Dimension |
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| Geschrieben von: Günther Mann (d.i. Karl O. Paetel) |
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Die Technizität ist die Durchbruchsstelle der elementar geistigen Menschennatur. Die Macht ist von der Technizität nicht mehr abzusondern, der Grad der Technizität entscheidet über den Anspruch auf jegliche Herrschaft, und in hoffnungsloser Defensive befindet sich alles, was Einwände erhebt. Die elementare Geistigkeit statuiert eine ganz andere Verwandtschaft mit der Erde, in ihr ist ein mächtigerer Tellurismus vorhanden als in den Ideologien, die sich auf lokale Überlieferungen, Sitten, Bräuche berufen. Technizität und Natur stehen in keinem Widerspruche. Die Einheit des kühnen, die ganze Erde umfassenden Intellekts mit der elementaren Kraft der Erde, diese schöne Einheit von Arm und Waffe, erschließt sich uns in der Technizität. (Friedrich Georg Jünger) Intellektualismus ist die kalte Betrachtung der Erde, warm ist sie solange genug betrachtet worden, mit Idyllen und Naivitäten und ergebnislos. (Gottfried Benn) Es erscheint nötig, sich in ausgiebigem Maße der revolutionären Substanzen bewusst zu werden, die sich im Phänomen Preußen darstellen für jeden, der in dieser Erscheinung mehr sieht als einen allgemeinen oder der bürgerlich-reaktionären Zeit zugehörigen Begriff. Um von vornherein den gröbsten Missdeutungen vorzubeugen dessen, was in diesen vorliegenden Untersuchungen unter Preußen verstanden wird, nennen wir den „Raum“, in den hier ein Vorstoß versucht wird: die preußische Dimension. Die Preußische Dimension ist keine allgemeine, sondern eine mit Bewusstsein präzisierte Vorstellung. Sie ist eine dem technischen Arbeitsraum entnommene Vorstellung, da, wie wir später sehen werden, ein modernes Preußentum ohne Wesensbeziehung zur Technik undenkbar ist. Dimension heißt zunächst Abmessung, und dann: die präzis abgemessene Ausdehnung einer geometrischen oder räumlichen Größe. Wir übernehmen diese Vorstellung in den geistigen Raum und haben zunächst im Umriss das, was das Wesen des Preußentums ausmacht: „Gestaltung des Gestaltlosen, Begrenzung des Grenzenlosen“…Friedrich Hielscher, der mit diesen Worten „Preußen“ definiert, sieht in diesem Willen zur Begrenzung, zur Bemessung des Ungemessenen die Aufgabe der preußischen Substanz im deutschen Raum. Es ist eine Aufgabe, die ein hohes Maß von Bewusstsein erfordert, wie jede Aufgabe der Ordnung, Sichtung, Klärung einen Grad der bewussten und vorurteilslosen Überlegenheit erheischt. Somit wohnt dem preußischen Geist etwas Unpersönliches und Überpersönliches inne. Das Überpersönliche, eine äußerst auf die Sache und nur auf die Sache ausgerichtete Haltung, gelangt im Preußentum auch darin zum Ausdruck, dass es primär keinen Raum mit landschaftlicher Eigenwüchsigkeit darstellt, sondern zunächst einen sachlichen Willen aus allen deutschen Räumen. „Es gibt nur Wahlpreußen“ (Hielscher). Preußen ist in erster Linie nicht eine landschaftlich erklärbare Besonderheit, sondern ein eine sachlich deutbare Haltung. Mit Moeller van den Bruck wissen wir, dass Preußen die größte kolonisatorische Tat der Gesamtheit der deutschen Stämme ist, wie das Deutsche Reich die größte politische Ordnungsarbeit des Preußentums. Jenes Preußentums, das aus kolonisatorischen Menschen des deutschen Raumes erstand, die das Leben ihrer Stämme, in denen sie aufgewachsen waren, „hinter sich ließen“, um im Gang geschichtlicher, nicht landschaftlicher Kräfte, zu einer neuen Einheit gehämmert zu werden, zu einem „stammesfreien Gefüge“. Preußen ist nicht ein betonter Inhalt aus „Blut und Boden“, sondern eine Ordnungs-, eine Abmessungsgestalt: eine Dimension, deren Struktur von einem nüchternen phrasenlosen Willen zur vorurteilslosen und modernen Ordnung der Dinge im deutschen Raum gebildet wird. Nicht jeder, der sich heute auf Preußen beruft, ist berechtigt, sich Preuße zu nennen. Der oberbayrische Stoßtruppführer, den ein intensives und kühl beherrschtes Verhältnis zum technischen Arbeitsgang der modernen Schlacht auszeichnet, der schwäbische Ingenieur, der moderne Maschinen zu bauen versteht, der niedersächsische Verkehrstechniker, der es als widersinnig empfindet, wenn in der Verkehrsstraße einer modernen norddeutschen Großstadt die herumreisenden Bewohner eines „herrlich gelegenen oberbayrischen Dorfes“ volkstümliche und echt oberbayrische Trachtentänze aufführen: er vermag sicher ein besserer Preuße zu sein als der aus alter Potsdamer Familie stammende Architekt, der sich in seinen Mußestunden an preußischen Armeemärschen begeistert, um ansonsten in säulenreihendem Neoklassizismus zu machen. In der Maschine symbolisiert sich die Revolution, in der neoklassizistischen Säule die Reaktion unseres Jahrhunderts. Der echte preußische Raum, oder, wie wir ihn nennen, die Preußische Dimension ist unweigerlich Ausdruck einer revolutionären Substanz. Im preußischen Temperament birgt sich „der unzerbrechliche Mut zur Überraschung“ (Schneider); und heute gilt das gleiche von den Vorgängen, die innerhalb der Preußischen Dimension stattfinden, wie es ein Zeitgenosse Friedrichs des Großen über die Taten dieses zu seiner Zeit und aufgrund seiner preußischen Substanz eminent modernen und revolutionären Deutschen aussprach: „fort en avant le leur époque“. Die Preußische Dimension ist eine revolutionäre Dimension. Sie ist Ausdruck nicht einer Revolution „en masse“, sondern einer Revolution „sans phrase“. Die Revolution „sans phrase“ des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Revolution der Technik. Sie vollzieht sich in Arbeitsgängen von äußerster Sachlichkeit und Kälte. Aber seit je hat der preußische Typus ein besonderes Verhältnis zu sachlichen, aller Gemütlichkeit enthobenen Vorgängen gehabt. Somit steht der Mensch der Preußischen Dimension in einem elementaren Verhältnis zur Technizität unseres Zeitalters. Es gehört zu den Kennzeichen unserer technischen Revolution, dass sie sich in eruptiven Ausbrüchen und Katastrophen vollzieht. Umso mehr wächst die Aufgabe des preußischen Typus, die in der technischen Revolution auf eine höhere Ordnung hinweisenden Elemente zu erkennen und planhaft auszubauen. Gerade weil der preußische Typus von Anbeginn ein Verhältnis zu noch ungeformten, einer Begrenzung und Gestaltung harrenden Räumen politischer oder geistiger Art besitzt, werden seine Ordnungs- und Gestaltungskräfte auch von den modernen anarchischen Räumen angesprochen, die einer höheren Ordnung bedürftig sind. Wir wissen, dass es der Raum der modernen Technizität ist, der noch anarchischen Verwandlungscharakter trägt, und dass es der preußische Typus ist. Der auf Grund der Härte und zugleich Geschmeidigkeit seines Wesens am ausdauerndsten in dieser Anarchie des zwanzigsten Jahrhunderts zu bestehen vermag. Ernst Jünger wandte sich 1928 in seinem „Abenteuerlichen Herzen“ an den „preußischen Leser“, der zu einem Teil „die höchst seltsame Erscheinung des preußischen Anarchisten“ darstellt, „möglich geworden in einer Zeit, da jede Ordnung Schiffbruch erlitt, und der, allein mit dem kategorischen Imperativ des Herzens bewaffnet und nur ihm verantwortlich, das Chaos der Gewalten nach den Grundmaßen neuer Ordnungen durchstreift“. Durch die späteren Forderungen der Jüngerschen Arbeiter-Konzeption hat der preußische Mensch schon nähere Aufgaben, schon Grundlinien neuer Ordnungen erhalten in den Maßen, die Jünger für den Arbeitsraum und zumal für den technischen Arbeitsraum aufstellt; heute ist der preußische Typus begriffen im Aufbau der Preußischen Dimension. Hier sind wir an dem Punkt angelangt, wo es zu erkennen gilt, dass sich die Preußische Dimension aufbaut aus einem den technischen Elementen adäquaten Geist. Wir müssen uns dazu befassen mit der Erscheinung eines zweiten Bewusstseins, das Jünger als eine den Arbeitstypus besonders kennzeichnende Eigenschaft darstellt. Es ist das „ein zweites und kälteres Bewusstsein“, das in der Fähigkeit besteht, sich selbst als Objekt zu sehen. Dass übrigens diese Fähigkeit in der preußischen Geschichte eine eminente Rolle spielt, ist hinlänglich erwiesen. Eins der aufschlussreichsten Symbole nun, die das zweite Bewusstsein des Typus aus sich herausgestellt hat, erkennt Jünger in der Tatsache der Photographie, der er einen höchst revolutionären Rang zumisst. Die Vorgänge, welche die Photographie festhält, sind von einem unempfindlichen und unverletzlichen Auge gesehen, sind von einem höheren und kälteren Tatsachensinn festgehalten als ihn das menschliche Auge entwickeln kann. Somit wird die Photographie zum Werkzeug einer besonderen Eigenart des Typus. Mittels dieses Werkzeuges vermag der Arbeitstypus Vorgänge aufs präziseste festzuhalten, zu begrenzen, zu ordnen, die ihm sonst entgingen, die aber in den technischen Raum einzuordnen von Bedeutung ist. Denken wir daran, dass der Mensch sich mittels der Zeitlupe bis in die kleinste Bewegung hinein als Objekt zu sehen vermag und dass er auf Grund dieses präzisen Sehens wichtige Erkenntnisse zur Ordnung von Arbeitsbereichen des menschlichen Bestandes, beispielsweise des Sportes, gewinnt. Es sind Ordnungs- und Planungsprinzipien, die der Typus somit aus der Eigenart des zweiten Bewusstseins bezieht, mittels derer er dann wieder bestimmte Räume zu gestalten vermag. Dieses zweite und kältere Bewusstsein ist nun auch eine der markantesten Eigenschaften der Preußischen Dimension, mittels derer der deutsche Raum gestaltet werden kann. Die Preußische Dimension ist gleichsam ein konstruktives Gerüst, in das Erkenntnis- und Bemessungsapparate des menschlichen Geistes eingebaut sind, mit denen der in Umwandlung begriffene deutsche Raum als ein Objekt aufs präziseste gesehen und danach gestaltet zu werden vermag. Ebenso wie die Tatsache der Photographie mit den sich daraus ergebenden Folgerungen sowohl technischen wie revolutionären Rang besitzt, ebenso ist die Preußische Dimension dem technischen wie dem revolutionären Geist verhaftet. Dass die Preußische Dimension auch eine „organische Konstruktion“ im Sinne Ernst Jüngers darstellt, sei hier nur angedeutet. Der in der Preußischen Dimension lebende Menschenschlag aber ist trotz der Kälte seiner Bewusstheit eine elementare Rasse. Er hat entweder in den elementarsten Landschaften des bisher verflossenen zwanzigsten Jahrhunderts lange Jahre gelegt, in den Zonen der Materialkampfes des Weltkrieges, oder er hat das Elementare im geistigen und kämpferischen Raum des revolutionären Nationalismus erfahren. Ja jeder, der sich wirklich als ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts fühlt und danach zu handeln weiß, gehört diesem elementaren Menschenschlag zu. Denn das gerade verleiht unserem Jahrhundert, zu dem wir uns bekennen, sein höchst eigenartiges Gesicht, „dass die Rückkehr der ungebrochenen Leidenschaften und starker, unmittelbarer Triebe sich in einer Landschaft des schärfsten Bewusstseins vollzieht, und dass so eine ungeahnte und noch unerprobte gegenseitige Steigerung der Mittel und Mächte des Lebens möglich wird. Zum ersten Male deutlich wird dieses Bild…im wirklichen, im unbesiegten Soldaten des großen Krieges, der in seinen entscheidenden Augenblicken, in denen um das neue Gesicht der Erde gerungen wurde, gleichermaßen als ein Wesen der Urwelt und als der Träger eines kältesten, grausamsten Bewusstseins zu begreifen ist. Hier schneiden sich die Linien der Leidenschaft und der Mathematik. Der Menschenschlag der Preußischen Dimension errät auf Grund seiner Verbundenheit mit den elementarsten Kräften seines Jahrhunderts, die nicht zuletzt im technischen Raum ihre deutliche Sprache reden, das heute wir zu allen Zeiten wirkende „mythische Gesetz“ und bedient sich seiner als Waffe, wie es der Menschenschlag der Front in seinen materialdurchhämmerten Zonen bereits vorbildlich getan hat. Wenn die Maschine des technischen Raumes und die an ihr gewachsene Präzision des Geistes von einer elementaren Rasse, von einer Kraft der „Stahlgewitter und der imperialen Horizonte“ eingesetzt wird, so besteht die Möglichkeit, dass sich erfüllt, was Gottfried Benn von jenem Menschentypus erwartet, der den drohenden Anstürmen des zwanzigsten Jahrhunderts gewachsen sein will: er „besiegt das Dämonische durch die Form, seine Dämonie ist die Form, seine Magie ist das Technisch-Konstruktive…“ Es bleibt noch ein Wort zu sagen über die Bezeichnung „intellektuelle Waffengänge“. Unsere Zeit und unsere Nation bedürfen einer neuen Intelligenz. Die alte, destruktiv-liberale, sie ist dahin, sie gehört einem anderen Jahrhundert an, das wissen wir alle. Das neue Zeitalter fordert einen neuen Geist herauf, nicht einen der allgemeinen Begriffe, der plattgedrückten, der bürgerlichen, sondern einen präzisierten, einen in den gefährlichen Feuern der neuen Horizonte gestählten. Nicht einen schönen Geist, der trägt Komfortcharakter und ist museal, sondern einen stählernen, einen, der Ansprüche stellt, wir nennen ihn: den stählernen, den preußischen Intellekt. Er allein kann bestehen im tatsachengeladenen Raum des Technischen, er allein ist moderne Waffe und Rüstung, er verbürgt, von Menschen der elementaren Zonen bedient, jene „schöpferische Seite des Objektiven“, die zugleich eine preußische ist: „Härte des Gedankens, Verantwortung im Urteil, Sicherheit im Unterscheiden von Zufälligem und Gesetzlichem, vor allem aber die tiefe Skepsis, die Stil schafft…“ (Kunst und Macht). Er verbürgt jene geistige Kommandohöhe, der nicht mehr schöngeistige Darlegungen, sondern die sachlichen Arbeitsprozesse eines elementaren und preußischen Intellektualismus zugeordnet sind: jene geistige Kommandohöhe, „von der aus der Leib als ein Vorposten betrachtet werden kann, den man gewissermaßen aus großer Entfernung im Kampf einzusetzen und aufzuopfern vermag.“ Dieser preußische Intellekt stellt einen Angriffsakt dar, der den Typus der Preußischen Dimension befähigt, sich trotz der anarchischen Charakters des neuen Erdzeitalters an jener Rüstung zu beteiligen, von der Jünger in seinem neuen Buche spricht: „Sei es, dass er in ihr die Vorbereitung zum Untergange erblickt, sei es, dass er auf jenen Hügeln, auf denen die Kreuze verwittert und die Paläste verfallen sind, jene Unruhe zu erkennen glaubt, die der Errichtung neuer Feldherrenzeichen vorauszugehen pflegt.“ Quelle: Günther Mann (=Karl O. Paetel) (Hg.): Die Preußische Dimension. Intellektuelle Waffengänge, Eisenach: Röth 1935 |
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