Studiengebühren – „geboten und vertretbar” oder: Was nicht passt, wird passend gemacht. PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: http://arbeitertum.wordpress.com   

„Studiengebühren sind wissenschaftspolitisch geboten undsozialpolitisch vertretbar. Sie machen die Hochschulen ein Stück weit von der Haushaltspolitik unabhängig.“

So lässt es jedenfalls der Chef der Kultusministerkonferenz, Ludwig Spaenle, verlauten, offensichtlich völlig vergessend, wer denn überhaupt das nötige Geld für die vom ihm gepriesenen Studiengebühren aufbringen muss. Die Studenten selbst haben das nötige Geld aufzubringen, um studieren zu dürfen; sollte das Einkommen des Studenten oder seiner Familie nicht ausreichen – was mit einer völlig intransparenten Methode vom zuständigen Amt festgestellt wird -, so steht ihm ein sogenanntes “BAföG” (umgangssprachlich, eigentlich Bundesausbildungsförderungsgesetz) zu, welches er innerhalb der Regelstudienzeit ausgezahlt bekommt und im Idealfall nach Studienabschluss zum Teil zurückzahlen muss.

Ebenfalls ein absurdes System, wenn man von der eigentlichen Selbstverständlichkeit ausgeht, Bildung müsse grundsätzlich nicht vom Geldbeutel abhängen. Vielmehr sollte doch die gerade die Regelstudienzeit keinen Betrag kosten, sondern – bis zum Ende der Regelzeit – umsonst sein. Aber was wissen wir schon – wir sind schließlich nicht Chef der Kultusministerkonferenz.
Spaenle erzählt weiter:

„Studiengebühren haben die Lehre an den Hochschulen in den Ländern, die sie eingeführt haben, spürbar verbessert. Durch den Beitrag der Studierenden können die einzelnen Hochschulen zum Beispiel mehr Lehraufträge vergeben und damit das Lehrangebot spürbar verbessern.“


So stünden nun mehr Lektoren für Sprachunterricht, zusätzliche Tutoren und Studienberater zur Verfügung, was die Studienqualität – angeblich auch in den Augen der Studenten – erheblich verbessern würde. Abgesehen davon, dass dies bedeuten würde, dass die Studiengebühren immer für den richtigen und effektivsten Zweck eingesetzt werden – was bekanntlich nicht immer so ist, erst Recht nicht dann, wenn die Gelder für Banalitäten wie Tafeln und Kreide eingesetzt werden -, wäre dies nur ein Teilerfolg auf einem eigenen Gebiet, nämlich der Qualität des Studiums. Auf dem gesamtsozialen Bildungsgebiet ist dies allerdings nicht etwa ein Erfolg, wie es uns Chef Spaenle weiß machen möchte, sondern ein weiteres Indiz dafür, wie der sogenannte Sozialstaat BRD seine selbst proklamierte Sozialstaatlichkeit Stück für Stück aufgibt.

Die endgültige Reise nach Absurdistan tritt Spaenle allerdings mit folgender Aussage an:

„Gegenüber den Studierenden machen Studiengebühren eines sehr deutlich: ‘Was etwas kostet, ist etwas wert.’ Entsprechend erhöht sich die Wertschätzung und nicht selten ihr Engagement.“

Mit anderen Worten: Aus Angst vor der absoluten Pleite legen sich die Studenten umso mehr ins Zeug, womit sich der eigentlich angenehme Charakter des Studiums, nämlich die selbstständige Bildung mit möglichst hoher Effektivität und positiver Motivation, selbst ins Abseits befördert. Motivation wird hier schlicht durch Zwang ersetzt; für Spaenle ein Erfolg, der mit Pauken und Trompeten zelebriert werden muss.

„Eliten” wie Spaenle versuchen, durch solch schwammige Argumente ihr eigenes Totalversagen zu vertuschen; sie versuchen zu vertuschen, dass der Sozialstaat BRD keinen Cent mehr übrig hat für die Belange des einfachen Pöbels, dafür aber umso mehr für Banken, die im Begriff sind, vor die Hunde zu gehen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wieder einmal wird das, was offensichtlich nicht passt, noch offensichtlicher passend gemacht.

Die Auswirkungen der Studiengebühren liegen allerdings auf der Hand: Der Druck und der “Zwang zur Bildung” steigt – etwas, was für Menschen wie Spaenle positiv ist -, der deutsche Arbeiter wird einmal mehr unverschämt zur Kasse gebeten, muss sich im Extremfall sogar verschulden, um überhaupt studieren zu dürfen und insbesondere die Selektion zwischen den Klassen und Schichten wird intensiver. Während sich Studenten aus Mehrverdienerfamilien kaum Sorgen machen müssen, werden sich sogenannte „Arbeiterkinder” ihren Schritt in die Uni zweimal überlegen müssen – ein Armutszeugnis, das seinesgleichen sucht.

Weitere Informationen:
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Unibesetzungen

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Der neue Student
Wie wir bereits hier berichteten, stehen die angehenden Akademiker des deutschen Volkes immer mehr unter Druck. Nicht nur, dass die Länder Studiengebühren eingeführt haben, die gerade “seichter betuchten” Volksgenossen den entscheidenden Schritt auf die Universität erschweren, zusätzlich führt die Umstellung des alten akademischen Bildungssystems auf das amerikanische Bachelor/Master-System und die damit verbundenen strafferen Strukturen, die die eigentlich für das Studium übliche Selbstständigkeit ablösen, zu einem zunehmendem Einordnungs- und Kalkulierungszwang der Studenten.

 

Geisteswissenschaften werden immer weniger als Wunschfach gewählt, weil es etwa in der Wirtschaft die größten Arbeitschancen und mitunter auch die höchsten Löhne gibt – jeder Student weiß, dass wirtschaftswissenschaftliche Fächer wie WiWi, BWL, VWL oder IBS in so gut wie allen Unis überlastet und überproportional besucht sind, dass es meist die Studenten der Wirtschaftswissenschaft sind, die “normal” sind und aus der Masse nicht herausstechen. Auf der anderen Seite stehen die Geisteswissenschaftler, oftmals Personen, die aus der Masse in irgendeiner Art und Weise herausstechen: Seien es politisch Aktive, Künstler oder Angehörige von Subkulturen. Das klare Mengenverhältnis der beiden Gruppen spricht eine deutliche Sprache: Studium verkommt immer mehr zu einer weiteren Bildungsinstitution, in der man straff nach Lehrplan diese oder jene Leistungen erbracht haben muss, um diese oder jene Qualifikation zu bekommen. Das ganze am besten in rasender Geschwindigkeit, um den erfolgreichen Einstieg in die kapitalistische Welt möglichst schnell und brisant von der Bühne zu bringen.
Die eigentliche Ästhetik des Studiums – die Bildung eines klaren Profils und einer, mit dem Individuum vereinbaren, Spezialisierung auf ein oder mehrere ausgewählte Bereiche – geht im Zuge der Bologna-Reform völlig verloren. Ganz im Sinne des Kapitalismus werden in den Unis von 2010 spezialisierte Arbeitsbienen herangezüchtet, die schnellstmöglich in der Wirtschaft ihr Fachwissen einzusetzen haben.

Man könnte sich an dieser Stelle die Frage stellen, warum die Studenten von heute dies alles so ohne weiteres mit sich machen lassen. Man könnte davon ausgehen, dass es doch gerade die Studenten selbst in der Hand haben, wie sie ihr Studium gestalten wollen: Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Freudig labt man sich an den neuen, strengeren Bildungsreformen, man spielt das Spiel mit, in der Hoffnung. am Ende als Gewinner dazustehen. Dies hat nichts damit zu tun, dass sich diese gleichgeschalteten Studenten nicht nach einem individuelleren Studium sehnen würden; es hat damit zu tun, dass sie ihr eigenes Studium gar nicht als wirkliches Studium – bzw. als das, was man ursprünglich darunter verstanden hat – wahrnehmen. Für die angehenden Gehirne des Marktes ist ihr eigenes Studium nichts weiter als eine Ausbildung: Ein weiterer Schritt Richtung Endqualifikation, der mit den vorherigen Schritten: Grundschule und Gymnasium/Berufsschule in einer Reihe steht.

Es gab hier und dort Studenten, die größere Proteste gegen Bachelor und Studiengebühren auf die Straße trugen, doch die Stimmen, die damals lauthals verkündeten, dass die Unis den Studenten gehören, sind schon seit längerem verklungen. Licht blieben ihre Reihen und nur kleine Teilerfolge konnten eingefahren werden. Außerdem bemerkenswert ist, dass auch jene Demonstranten in der Mehrzahl sicherlich nicht vorhaben, in der Wirtschaft Karriere zu machen, gehören also im Großen und Ganzen zur immer kleiner werdenden Gruppe der Geisteswissenschaftler.
Im Grunde hat sich das gesamte Prinzip durch die neuen Regeln einmal herumgedreht: Zuvor war eigenständiges, kritisches und kreatives Denken gefragt; nun ist Auswendiglernen, Lehrplan herunterbeten und schlicht funktionieren gefragt. Letztendlich werden jene Studenten, die die Uni nur als Karriere-Sprungbrett betrachten, neben ihren ausschließlich auf ihren Beruf gemünzten neuen Erkenntnissen nur verlernen, selbst zu denken.
Lange Zeit war das Bildungssystems der Bundesrepublik weitestgehend unangetastet von Markt und Kapitalismus, doch nun müssen wir einsehen, dass auch dieser Bereich – dort, wo normalerweise frische Ideen entstehen – der gnadenlosen Gleichschaltung des freien Marktes zum Opfer gefallen ist.
Diszipliniert, kalkulierend und gehörig: Der neue Student.

Quelle:
http://arbeitertum.wordpress.com