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| Betriebsorganisation oder Gewerkschaften? - Fritz Wolffheim |
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| Geschrieben von: Administrator |
| Mittwoch, 06. Dezember 2006 um 17:00 Uhr |
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Betriebsorganisation oder Gewerkschaften?
Fritz Wolffheim (Vortrag vom 16. August 1919 in einer Hamburger KPD-Mitgliederversammlung)
Die deutsche Revolution, die sich in ihren politischen Formen am 9. November vorigen Jahres vollendet hat, bedeutete in Ergänzung an die Zertrümmerung des deutschen Imperialismus durch den Krieg die Zertrümmerung des ganzen deutschen Reiches. In dem Augenblicke, an dem die militärische Macht zertrümmert war, in dem die Arbeiter und Soldaten die Junker und Fürsten zum Teufel gejagt hatten, hatte das deutsche Reich in der Form, wie es bis dahin bestanden hatte, aufgehört zu existieren. Das deutsche Reich war seit dem Jahre 1871 ein bürgerlicher Klassenstaat unter der Führung von Fürsten und Junkern gewesen. Es liegt im Wesen eines jeden Staates, dass er dem Volke in seinem Rahmen eine Organisation gibt. Jeder bürgerliche Klassenstaat bedeutet die Zusammenfassung seiner Bewohner zu einer Nation. Eine Nation ist die Organisierung des Volkes unter der Führung der Bourgeoisie. Die Aufrichtung der Nation bedeutet, dass die Bourgeoisie sich konstituiert als herrschende Klasse, und dass sie dafür sorgt, dass die beherrschten Massen entweder gänzlich isoliert bleiben oder dass sie sich eine Organisation schaffen, die nicht in der Lage ist, der Herrschaft der Bourgeoisie gefährlich zu werden. Solange ein bürgerlicher Staat fest gegründet ist auf politische Machtmittel, solange hat die herrschende Klasse die Macht in der Hand, das Proletariat zu verhindern, sich eine revolutionäre Organisationsform zu schaffen. Wenn das Proletariat sich organisieren will, muss es sich zunächst stellen auf den Boden dieses Staates und sich zusammenfassen in einem Rahmen, den dieser Staat ihm für seine Organisationsform in Gnaden zulässt. Ein jedes Proletariat, wenn es anfängt, seinen Klassenkampf aufzunehmen, sieht sich der herrschenden Bourgeoisie in der Rolle gegenüber, dass ihm das Recht auf Organisation genommen ist. Und so beginnt der Kampf des Proletariats damit, dass es um sein Recht kämpft, sich überhaupt zusammenfassen zu dürfen. Das ist der Grund, weshalb in einem militärisch-polizeilich-bürokratischen Staate, wie dem deutschen Reich seit dem Jahre 1871, der proletarische Kampf beginnt in politischen Formen. Der politische Kampf erst soll die Grundlage dafür schaffen, dass das Proletariat sich wirtschaftlich überhaupt organisieren kann. Es sucht durch den politischen Kampf zugleich den Spielraum zu erweitern, in dem die Bourgeoisie eine Bewegungsfreiheit des Proletariats in seinen wirtschaftlichen Organisationen, die es sich erschafft, zulässt.
Das ist der Grund, weshalb vor der Revolution die politische Bewegung ebenso wie die gewerkschaftliche Bewegung, obwohl beide anknüpften an die revolutionären Überlieferungen von 1848, in ihrem Wesen reformistisch waren. Die Arbeiterbewegung war reformistisch, weil sie sich auf den Boden des Klassenstaates stellte, weil sie ihr Hauptziel darin sah, von einem Organ des Klassenstaates aus, vom Parlamente aus die Herrschenden zu beeinflussen. Sie war reformistisch in ihren gewerkschaftlichen Kämpfen, weil sie die Arbeiterschaft nicht organisiert zu dem Zweck, die Bourgeoisie zu zertrümmern, das Prinzip des Unternehmertums abzuschaffen, sondern zu dem Zweck, unter der Voraussetzung ihrer Fortexistenz mit den Unternehmern zu verhandeln und dadurch zu versuchen, für einzelne Arbeiterschichten günstigere Lohn- und Arbeitsbedingungen herauszuschlagen. Und soweit die Partei und die Gewerkschaften auf dem Boden des Klassenkampfes standen, war er nur ein Kampf im Rahmen des bestehenden Staates. Auch bei den Kampfaktionen, bei Streiks, handelte es sich für die Gewerkschaften nicht darum, die Bourgeoisie zu zertrümmern, sondern nur einzelne Gruppen zu zwingen, irgendwelche wirtschaftlichen Forderungen bestimmter Schichten der Arbeiterschaft anzuerkennen, Forderungen, die so gestellt waren, dass ihre Anerkennung von vornherein möglich war, Forderungen, deren Anerkennung dem weiteren Aufschwung des Kapitals selbst nicht den Boden unter den Füßen entzog. Das haben wir festzuhalten, wenn wir uns darüber klar werden wollen, ob die vorrevolutionäre Gewerkschaftsform noch die sein kann, die nach einer vollzogenen, politischen Revolution den Bedürfnissen des deutschen Proletariats entspricht.
Die politische Revolution hat, indem sie die der Bourgeoisie zur Verfügung stehende Gewalt der Junker und Fürsten zertrümmerte, ursprünglich jede Gewalt zertrümmert, die der Gewalt des Proletariats im Wege stand. Damit stand das Proletariat vor der Frage: Welche Form von Staat soll organisiert werden? Soll ein kapitalistischer Staat erstehen oder ein proletarischer Staat? Mit der Revolution war der frühere kapitalistische Staat zusammengebrochen; als er zusammengebrochen war, gab es überhaupt keinen Staat mehr, und damals hatte das Proletariat die Entscheidung darüber in der Hand, welche Form von Staat anstelle des alten zusammengebrochenen gesetzt werden sollte. Das Proletariat ist sich darüber nicht klar gewesen, es war nicht gewöhnt, darüber nachzudenken, was ein Staat überhaupt sei. Man hatte das Proletariat daran gewöhnt, sich darauf zu beschränken, alle fünf Jahre einen schönen Berg weißer Zettel zu sammeln, über den dann die so genannten Vertreter des Proletariats hineinkletterten in die Parlamente. Man hatte in der wirtschaftlichen Organisation das Proletariat daran gewöhnt oder es gezwungen, alle Entscheidungen einer kleinen Gruppe von Führern zu überlassen und sich damit zu begnügen, mehr oder minder höhere Beiträge zu zahlen, damit diese kleine Zahl von Führern auch eine feste Existenz hatte. Das waren im Wesentlichen die Funktionen des Proletariats in Deutschland, und wenn man die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen auch noch zu etwas anderem benutzte, dann zu dem Zweck, den geistigen Drill, den Schule und Kaserne im deutschen Volke würdig vorbereitet hatten, in der Partei und den Gewerkschaften auch auf diejenigen Arbeiter zu übertragen und in den Arbeiterköpfen zu verankern, die sonst hätten auf revolutionäre Ideen verfallen können. Da die Beschäftigung mit dem Wesen des Staates an sich schon eine revolutionäre Tätigkeit ist, hat man den größten Wert darauf gelegt, dass die Proletarier Deutschlands sich zwar die Köpfe darüber zerbrachen, ob diese oder jene indirekte Steuer für die Junker mehr oder weniger profitabel sei, nicht aber darauf, zu ergründen, worauf denn die Macht der Bourgeoisie beruht, und welche Art von Macht sich das Proletariat schaffen müsse, wenn es in der Lage sein sollte, sich einmal selbst als Staat zu organisieren. Von der Eroberung der Staatsgewalt redeten alle Kautskyaner, aber wie diese Eroberung durchzuführen sei, darüber zerbrachen sie sich weder selbst den Kopf, noch wünschten sie, dass sich die Arbeiterschaft mit dieser Frage beschäftigen solle. Als dann vor fast zwei Jahren ein Proletariat, das nicht so kultiviert war wie das deutsche, als die russischen Arbeiter die Frage lösten, mit welchen Mitteln man die Macht erobert, und auf welcher Grundlage man die Macht dann organisiert, da kamen alle Kautskyaner und beschworen das deutsche Volk, doch um Gotteswillen nicht die „Gräueltaten“ nachzumachen, die die Zertrümmerung der Bourgeoisie als Klasse in Russland verursacht hatte.
Das deutsche Proletariat war daran gewöhnt, seinen Führern zu folgen; es sah in der ganzen Welt nur einen großen Kasernenhof, und niemand war wohl mehr erstaunt über die geglückte deutsche Revolution als die deutschen Proletarier selbst. Denn wären sie das nicht gewesen und hätten vor Staunen nicht Sprache und Denkfähigkeit verloren, dann würden sie sich wohl wenigstens in dem Augenblicke die Frage vorgelegt haben, was nun geschehen solle, um die eroberte Macht zu behaupten. Diese Frage wäre gewesen die Frage nach dem Wesen des Staates.
Lassalle, der zu einer Zeit wirkte, in der es in der deutschen Arbeiterbewegung noch keine Bonzen gab, hat die Frage gelöst. „Der Staat“, sagte er. „ist die Zusammenfassung aller in einem Volke vorhandenen realen Machtmittel“. Die Zusammenfassung der Maschinengewehre und der Presse, die Zusammenfassung der gesamten militärischen und wirtschaftlichen Organisationen, das ist der Staat. Und ausschlaggebend für die Beherrschung des Staates ist die Frage, welche Klasse innerhalb des gesamten Volkes die stärksten Machtmittel in der Hand hat.
Die Macht der kommandierenden Generäle hat darin bestanden, dass die gesamte großen Waffenmassen und die Menschen, die sie trugen, unter der Kontrolle der Generäle standen. Als dieser Zustand geändert war, als die Arbeiter und Soldaten alle Machtmittel in ihren Händen hatten und als die übrigen Klassen keine mehr besaßen, da hätte man nur diese Macht zu organisieren brauchen, und zu dieser Macht nur die Beherrschung über die Presse hinzuzufügen nötig gehabt, und der proletarische Staat wäre vorhanden gewesen. Die Organe dieses proletarischen Staates hatten sich in den Tagen der Revolution ganz spontan aus den Massen entwickelt. Wie die militärischen Organisationen zertrümmert waren, so war die Polizei und waren die Gerichte lahm gelegt, ferner auch die bürokratische Staatsverwaltung. Um dem Chaos zu entgehen, um eine Regelung in die wirtschaftlichen Beziehungen zu bringen, hatten sich in ganz Deutschland mit größter Selbstverständlichkeit Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, in deren Händen in den ersten Tagen alle Macht vereinigt war. Die Zusammenfassung aller deutschen Arbeiter- und Soldatenräte und ihre feste Stabilisierung in den Massen des arbeitenden Volkes, in den Bergwerken, in den Betrieben und auf dem flachen Land – diese Organisation wäre der Staat gewesen. Im Rahmen dieser Organisation dann hätten die Proletarier, die im Besitz der Waffen waren, sich eine militärische Organisation geschaffen: die Rote Armee. Die Proletarier sind nicht auf den Gedanken gekommen, dass es notwendig war, die Macht nun auch fest zu verankern, sie neu zu organisieren. Wenn sie an Organisationen dachten, so hatten sie die Vorstellungen von ihren alten Organisationen, den sozialdemokratischen Parteien, den Gewerkschaften, die im Klassenstaat entstanden, mit ihm groß geworden waren und die weder die Möglichkeit noch den Willen hatten, die proletarische Macht zu verankern, das Proletariat als Staat zu organisieren: denn diese Parteien und diese Gewerkschaften waren nicht nur hineingewachsen in den bürgerlichen Klassenstaat, sie waren ein wesentlicher Bestandteil dieses Staates selbst geworden, und als alles wankte, was es an Organisationen im bürgerlichen Staate gab, als alles zusammenbrach – sie wankten nicht, sie wurden das Rückgrat zu einem sich neu bildenden bürgerlichen Staate. So ist es gekommen, dass die Proletarier Deutschlands von den deutschen Proletariern besiegt wurden, dass die deutschen Proletarier es durch ihre Parteien, ihre Gewerkschaften, durch ihre Führer zugelassen haben, dass das alte deutsche Reich mit seinem soeben davongejagten deutschen Reichstage unter dem Namen Nationalversammlung wieder erstand. So geschah es, dass die Spitzen der Partei- und Gewerkschaftsbürokratie die Spitzen dieses Staates wurden. Und so ist es gekommen, dass in dem so rekonstruierten Staate die Proletarier entwaffnet und die Weißgardisten bewaffnet wurden.
Dass dem Proletariat dieses Unglück passieren konnte, hat einmal daran gelegen, dass es völlig unvorbereitet war, eine Revolution überhaupt durchzuführen. Aber neben diesem Umstande spielt ein weiterer eine große Rolle. Man war gewohnt gewesen, in einer Revolution im Wesentlichen nur einen politischen Umschwung zu sehen, und man hatte geglaubt, wenn der politische Umschwung sich vollzogen hätte, dass dann das andere nur eine Frage der Zeit sei, dass, wenn die alten politischen Formen zertrümmert wären, man hineinwachsen würde in die sozialistische Gesellschaft, und dass ein Kampf des Proletariats selbst von diesem Augenblick an nicht mehr nötig wäre. Und wieder waren es die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften, die diesen Glauben im Proletariat genährt haben, die vergessen haben oder vergessen wollten, dem Proletariat auseinanderzusetzen, dass die proletarische Revolution sich nicht in Veränderungen der politischen Form erschöpft, sondern dass die proletarische Revolution im Wesentlichen eine ökonomische Revolution sei, eine Revolution, die die Aufgabe hat, die ganze Ökonomie, die ganze Wirtschaftsform von Grund auf umzuwälzen. Wenn die politische Revolution sich vollzog in der Erhebung auf der Straße, so konnte das die ökonomische Revolution nicht, sie konnte sich nicht durch bewaffnete Aktionen vollziehen, sondern sie hatte sich dort zu vollziehen, wo der wirtschaftliche Prozess wurzelt – in den Betrieben. Wenn es sich darum handelt, die Ökonomie eines Landes auf eine ganz neue Grundlage zu stellen, dann muss man an die Wurzel dieser Ökonomie gehen, dann genügt es nicht, wenn man irgendwelche zufälligen Erscheinungsformen der gerade bestehenden Wirtschaft beleuchtet. Diese Wurzeln sind die Betriebe, und darum beginnt der ökonomische, revolutionäre Kampf der Arbeiter in den Betrieben selbst. Und wenn der revolutionäre Kampf der Proletarier in den Betrieben beginnt, und sich in den Betrieben vollendet und wenn das das Ziel dieses Kampfes ist, die Betriebe selbst zu stellen in den Dienst des Proletariats, dann kann das Proletariat nicht anders organisiert sein für diesen Kampf als auf der Grundlage der Betriebsorganisation.
Die alten Gewerkschaften waren gegründet in einer Zeit, in der sich das Proletariat nicht inmitten einer ökonomischen Revolution befand. Noch breitete sich der Kapitalismus aus, nahm höhere Formen an, und noch befand sich Deutschland im kapitalistisch-industriellen Aufstieg. In jener Zeit, in der die Gewerkschaften anfingen, innerhalb des Volksganzen die Proletarier zusammenzufassen, war der Kapitalismus noch zersplittert. Es konkurrierten noch viele Unternehmer gegeneinander. Damals hat es sich nicht darum gehandelt, die Bourgeoisie als Klasse zu zertrümmern, denn damals war sie selbst noch dabei, zur Klasse zusammenzuwachsen. Damals handelte es sich nur darum, besseren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen für einzelne Schichten der Arbeitnehmerschaft herauszuholen. Und damals entsprach die alte Gewerkschaftsform noch den Bedürfnissen der Proletarier. Noch herrschten in weiten Schichten der arbeitenden Massen die gelernten Arbeiter vor, und überall fanden sich noch Klein- und Mittelbetriebe vor, nur vereinzelt der Großbetrieb. Da fassten die Gewerkschaften die Arbeiter nach ihren Berufen zusammen und machten die Wohnung des Arbeiters zur Grundlage seiner Zugehörigkeit zur Gewerkschaft, nicht etwa den Betrieb. Alle Fragen des gewerkschaftlichen Kampfes lagen bei den Instanzen oder den Mitgliederversammlungen, nicht aber dort, wo die Arbeiter tagaus, tagein beieinander waren: In den Betrieben.
Diese Form der Organisation hat schon vor dem Krieg dazu geführt, dass die Arbeiter nicht in der Lage waren, in Massenstreiks ihre Kräfte mit dem Kapitalismus zu messen. Denn die alten Gewerkschaften, die die Massen in Berufsgruppen zersplittert hatten, hatten den Massenstreik nicht in ihrem Programm. Die Folge war, dass in dem großen Werftarbeiterstreik von 1913 die Werftarbeiter unterliegen mussten, weil ihre Organisationsform nicht den Bedürfnissen entsprach, die man an eine Massenorganisation zu stellen hatte. Die alten Gewerkschaften waren Führerorganisationen, Organisationen, in denen das Schwergewicht gewerkschaftlicher Tätigkeit bei den Führern lag, die verhandelten, nicht aber bei den Massen; denn sie wollten nicht, dass die Massen selbst Aktionen durchführten. Für sie war der Streik ein letztes Druckmittel in höchster Not, nicht aber die natürliche Waffe, die der Streik in einer revolutionären Epoche ist. Denn da, wo es sich nicht mehr darum handeln kann, nur die Arbeitsbedingungen zu verbessern, weil der Kapitalismus selbst am Ende seiner Kraft ist, weil die kapitalistische Gesellschaft die Arbeitsbedingungen gar nicht mehr verbessern kann, sondern wo es sich darum handelt, die kapitalistische Wirtschaft zu zerstören, da kann das nur geschehen durch eine fortgesetzte Kette weiter und weiter um sich greifender revolutionärer Massenstreiks, die einen Industriezweig nach dem anderen erfassen, die die Wirtschaft des ganzen Landes erschüttern und endlich die kapitalistische Klasse zwingen zum Eingeständnis ihres Bankrotts. Bankrott ist sie schon heute, aber die Versuche aufgeben, sich aufs Neue zu erholen, ein Eingeständnis ihrer Unfähigkeit geben, das tut die kapitalistische Klasse nicht, das kann sie nicht, das hieße Selbstmord begehen. Das tut sie erst dann, wenn das Proletariat sie dazu zwingt. Das Mittel dazu ist in erster Linie der revolutionäre Streik.
Dieser Streik, der sich entzünden kann an einfachen wirtschaftlichen Forderungen, er hat an sich politische Wirkung dadurch, dass er große Massen umfasst, dergestalt, dass er die Wirtschaft als Ganzes in ihrer Existenz bedroht, dass er in andere Wirtschaftszweige übergreift. Das hat der Bergarbeiterstreik zur Genüge bewiesen. Durch das Ausbleiben der Kohlen mussten die Fahrten der Eisenbahnen vermindert werden, der Warentransport wurde gelähmt. Ob die Bergarbeiter sich dessen bewusst gewesen sind oder nicht, die Tatsache, dass sie als große Masse hinein traten in den Streik, hat aus sich selbst heraus politische Wirkungen gezeitigt. Und das ist das zweite Moment, weshalb die alten Gewerkschaften nicht in der Lage sind, in revolutionären Zeiten den Kampf der Arbeiterklasse zu führen. Die Gewerkschaften sind eingestellt auf wirtschaftliche Teilkämpfe, die alte sozialdemokratische Partei ist eingestellt auf parlamentarisch-politische Kämpfe. Einen Kampf, der revolutionär ist und wirtschaftlich und politisch zugleich, den kann nur die Masse selbst führen. Sie kann ihn nur führen in Organisationen, die sie sich schafft zum Zwecke der Führung dieser Kämpfe. Wo diese Kämpfe sich schon entzündet hatten, wo die Unfähigkeit der alten Gewerkschaften den Arbeitern klar geworden war, hat sich die neue Form bereits gebildet. Die Bergarbeiter schlossen sich zusammen nach Zechen und innerhalb der Zechen nach Territorien und in allen Bergrevieren zusammen in eine Union, die alle Arbeiter umfasst, die im Bergbetriebe tätig sind. Wie die Bergarbeiter zu dieser neuen Form gekommen sind, so haben auch jetzt die Werftarbeiter endlich angefangen, diese Form der Organisation zu diskutieren. Auch auf den Werften sammeln sie sich in Betriebsorganisationen, um diese Betriebsorganisationen zusammenzufassen in einer einheitlichen Werftarbeiterunion. Daneben besteht der Deutsche Seemannsbund, und auch die Betriebsorganisation der Deutschen Eisenbahner wird im ganzen Lande diskutiert. Kaum dass die Eisenbahner hineingetrieben waren in die freien Gewerkschaften, sind sie schon dabei, sich auf der Grundlage der Betriebsorganisationen eine neue revolutionäre Gewerkschaft zu schaffen. In Halle sowohl als auch in Berlin und Hamburg sind, unabhängig voneinander, die Formen ausgearbeitet worden, in denen sich die Eisenbahner in einer einheitlichen Organisation, gegründet auf der Betriebsorganisation, zusammenzufassen beabsichtigen. Diese Vorarbeiten sind in vollem Gange und wenn nicht dieser, dann wird der nächste verlorene Streik die Eisenbahner zwingen, der alten Gewerkschaft den Rücken zu kehren und die Form einer Organisation zu finden, die ihnen die Möglichkeit gibt, sich frei im Kampfe zu entfalten, ungehemmt durch ihre zentralisierte Bürokratie, die so eng mit dem Staate verwachsen ist, dass sie die Interessen der deutschen Staatsgewalt vertritt. Auch in Oberschlesien existiert heute schon eine Vereinigung aller in der Schifffahrt tätigen Personen, und soweit mir bekannt ist, sind Bestrebungen im Gange, diese auch in Hamburg zusammenzufassen zu einer einheitlichen Organisation.
Noch sind die Widerstände groß, noch hängen viele Arbeiter aus alter Gewohnheit an ihren Gewerkschaften. Aber eine revolutionäre Epoche verlangt revolutionäre Entschlüsse, und wer die Sentimentalität zur Grundlage seines Handelns machen will, der kann noch drei politische Revolutionen siegreich bestehen, er wird sie durch den Mangel einer ökonomischen Organisation ebenso wieder verlieren, wie das deutsche Proletariat nach der ersten deutschen Revolution fast alles wieder verlor, was es erreichte. Das deutsche Proletariat, das willens ist, die Macht im Staate zu erobern, um die sozialistische Wirtschaft zu organisieren, kann sie nicht organisieren, ohne sich nicht selbst vorher für diese Wirtschaft organisiert zu haben. Wenn der Sozialismus mehr sein soll als eine bürokratische Schablone, an der anstelle der lokalen Unternehmer eine zentralisierte Bürokratie den Wirtschaftsprozess leitet und die Arbeitermassen beherrscht, wie man es heute durchzuführen versucht, dann muss gegen die zentralisierte Bürokratie das Proletariat sich organisieren, um selbst Träger zu werden des Produktionsprozesses. Da liegt der Unterschied, und das ist der Grund, weshalb die Gewerkschaften die Betriebsorganisationen hassen.
Ein Trust, eine amerikanische Finanzgesellschaft, löst sich heute auf und reorganisiert sich morgen in neuen Formen. Für ihn ist das ein ganz selbstverständlicher Vorgang, wenn er auf Schwierigkeiten stößt, die ihm die Produktion erschweren. Die Gewerkschaften aber nach einer Revolution, sie können sich nicht auflösen, sich nicht auf neuer Grundlage organisieren. Sie müssen die alte Zentralisation, die alte Bürokratie behalten, und wenn sie die weißen Garden organisieren sollen, um nur die Ansätze der Betriebsorganisation schon unmöglich zu machen. So liegen die Dinge. Heute, wo die Arbeiterschaft stark genug organisiert ist, um bei vernünftiger Führung den Umwandlungsprozess zu vollziehen, heute kämpft die Gewerkschaftsbürokratie mit den weißen Garden gegen jene, die die revolutionären Gewerkschaften schaffen wollen. Was würde es bedeuten, wenn eine Gewerkschaft sch auflösen würde und am nächsten Tage schon in den Betrieben die neuen Einschreibungen vornähme und so die neue Form organisierte? Für die Massen würde es bedeuten, dass sie eine Form hätten, in der sie ihre Kräfte frei entfalten könnten. Für die Führer aber würde dies ihre Überflüssigkeit bedeuten, und weil der Bürokratie das nicht in den Kram passt, tobt sie gegen die Betriebsorganisationen.
Wir haben bekanntlich die Betriebsräte, und man wird sie „gesetzlich verankern“ im neu entstandenen bürgerlichen Klassenstaat. Das wird den Räten einige Rechte und noch mehr Pflichten geben. Ihre Hauptpflicht besteht darin, mit dem Unternehmertum dafür zu sorgen, dass die Produktivität des Betriebes gehoben wird. Das kann nicht die Aufgabe revolutionärer Betriebsräte sein. Solange es einen Klassenstaat gibt, so lange kämpft das Proletariat, so lange müssen die Betriebsräte Organe des revolutionären Kampfes sein. Sie müssen ganz einseitig die Interessen der Arbeiter vertreten, und wenn der Betrieb darüber zehnmal zum Teufel gehen sollte, weil das Proletariat kein Interesse daran hat, in dieser Wirtschaftsordnung die Rentabilität sicherzustellen. Das Proletariat hat heute gar kein Interesse daran, dass sich die kapitalistische Wirtschaft wieder erholen kann, sondern daran, dass sie zusammenbricht. Denn jeder Schritt der Erholung ist ein Rückschritt für das Proletariat. Jede Steigerung der Rentabilität irgendeines Betriebes knüpft die Kette, die man nach der politischen Revolution dem Proletariat erneut im die Hände geschlungen hat, nur wieder fester. Wenn aber die Betriebsräte nicht sein sollen Organe zur Sicherung der kapitalistischen Ausbeutung, sondern Organe des revolutionären, kämpfenden Proletariats, dann dürfen sie nicht kontrolliert werden durch die konterrevolutionären Gewerkschaften, die ja selbst Organe des Klassenstaates sind, sondern durch die Arbeiter in den Betrieben. Die Arbeiter selbst haben sich jede Einwirkung auf die Betriebsräte zu verbitten, die von irgendeiner Seite und besonders von den Gewerkschaften versucht wird. Auch dazu braucht das Proletariat die Betriebsorganisationen. Nur wenn alle Proletarier des Betriebes zusammengefasst sind in einer Betriebsorganisation, sind sie in der Lage, alles das zu kontrollieren, was in ihrem Betriebe vorgeht. Solange diese Organisationsform nicht besteht, solange sind die Proletarier zersplittert. Wenn deshalb diese Zersplitterung in Gewerkschaften und Parteien aufgehoben werden soll, so kann das nur geschehen, wenn man eine neue Form der Einheit schafft, eine Form der Einheit, in der alle Arbeiter, gleich welchen Berufs und gleich welcher Partei, miteinander verhandeln können. Wenn die Arbeiter eines Betriebes miteinander arbeiten müssen, ohne sich darum zu kümmern, welcher Richtung sie angehören, werden sie auch in der Lage sein, miteinander zu verhandeln und ihre Angelegenheiten im Betriebe selbst zu besprechen.
Die einzige Aufnahmebedingung, die die Organisation neben dem Austritt aus den Gewerkschaften zu machen hat, wäre die, dass jeder erklärt, dass er grundsätzlich auf dem Boden des proletarischen Klassenkampfes steht, dass er der Meinung ist, dass es keinen Frieden geben kann zwischen Unternehmern und Proletariern, solange noch der Klassenstaat besteht. Diese Erklärung ist vollkommen genügend. Dadurch halten sie sich jene Elemente vom Leib, die man früher als „Gelb“ bezeichnete, und sie vereinigen alle revolutionären Arbeiter, wenn auch ihre Parteiansichten in manchen Punkten auseinander gehen – was für die Tätigkeit im Betriebe gleichgültig ist -, zu einem einheitlichen Vorgehen gegen den einzelnen Unternehmer und gegen das Unternehmertum als Klasse.
Es ist kein Zufall, dass gerade jetzt in Deutschland, nachdem die politische Revolution übergegangen ist in die ökonomische, diese Form der Organisation sich durchzusetzen beginnt. In anderen Ländern, in denen die Einschränkungen der Polizei nicht existieren, wo schon die kapitalistische Demokratie bestand, wie sie heute in Deutschland besteht, da waren die Arbeiter schon längst nach diesen Gesichtspunkten organisiert. In Amerika hatten die „Industrial Workers of the World“ schon vor Jahren diese Form der Organisation gefunden, und die Methoden schon vor Jahren angewandt, die uns heute als neu erschienen. Wie die „Industriearbeiter der Welt“ in dem Augenblick die großen Massen hinter ihre Prinzipien zu bringen begannen, als es sich herausstellte, dass die sozialen Gegensätze zu solcher Höhe emporgetrieben waren, dass es im Kampfe gegen die Trusts keine Zugeständnisse mehr gab, sondern dass man die kapitalistische Wirtschaft zertrümmern müsste, so wird auch in Deutschland der Gedanke der „Allgemeinen Arbeiterunion“ sich durchsetzen in dem Augenblick, in dem die Proletarier Deutschlands begreifen werden, dass revolutionär sein nicht heißt, nur revolutionäre Reden zu halten oder zu hören, sondern dass die revolutionäre Gesinnung sich umzusetzen hat in die revolutionäre Tat und dass sie ohne revolutionäre Taten bei allen wirtschaftlichen Vorbedingungen die ökonomische Revolution niemals vollenden können. Diese revolutionäre Tat heißt heute, dass die Proletarier sich darüber klar sein müssen, dass es zu brechen gilt mit den alten überlebten Formen der Gewerkschaften, die früher einmal ihre Dienste geleistet haben, die heute aber ein gegenrevolutionäres Element sind, und dass es darauf ankommt, alle Kräfte zu sammeln in den revolutionären Organisationen, die den revolutionären Kampf führen können und die dann fähig sind, die Industrie zu übernehmen. Wer soll die Industrien übernehmen? Sollen es die gewerkschaftlichen Instanzen oder wollen die Arbeiter selbst sie übernehmen? Und wenn sie das wollen, dann müssen sie sich die Form der Organisation schaffen, die in der Lage ist, sie selbst zum Herrn der Produktion zu machen. Diese Form ist die Räteverfassung und die erste Stufe darin sind die Betriebsräte: aber nur dann, wenn sie wurzeln in der Betriebsorganisation. Tun sie das nicht, so sind sie eine Fälschung der Räteidee. Dann sind sie nicht dazu da, den revolutionären Kampf des Proletariats zu führen, sondern die Proletarier irrezuführen über die Methoden, die sie einzuschlagen haben.
Wer den festen Willen hat, die Macht in den Händen des Proletariats zu verankern, muss sich auch über den Weg klar sein. Für wen der Kampf politisch enden soll mit der Diktatur des Proletariats und wirtschaftlich mit der Übernahme der Produktion durch das Proletariat, für den kann es nur eine Losung geben:
Heraus aus den Gewerkschaften, hinein in die Betriebsorganisation!
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